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Flagge zeigen ohne Abstand

Wien, Anfang September 2020. Eine Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung. Auf der Bühne wird eine Regenbogenflagge, ein Symbol der LGBTQ+ Community, zerrissen. Dazu die Worte „Ihr seid kein Teil unserer Gesellschaft. Wir müssen unsere Kinder vor Kinderschändern schützen.“

Ein anderes Bild in Berlin und anderen deutschen Städten. Menschen ohne Abstand, ohne Masken schreien „Wir sind das Volk“, „Friede, Freude, Freiheit“, sie sprechen von einer Corona-Diktatur, greifen die Lügenpresse an und warnen vor einem neuen Ermächtigungsgesetz. Es ist ein bunter Haufen, der sich dort versammelt: Linke Esoteriker, Verschwörungstheoretiker, Rechtsextreme, Hooligans. Menschen, die sich sonst nicht mal anschauen, scheinen nun Hand in Hand zu gehen, um für eine größere Sache zu kämpfen. Es wehen Deutschlandflaggen, Reichskriegsfahnen und zwischen all diesen – fröhlich vor sich hin treibend – die Regenbogenflagge.

Eine Flagge, die 1978 von dem Designer und Künstler Gilbert Baker erfunden wurde, welcher diese für den Gay Freedom Day entwarf und so größtenteils den rosa Winkel als Symbol für die LGBTQ+ Community ablöste. Sie soll die Diversität der unterschiedlichen Interessen, Lebensentwürfe, Hautfarben und Geschlechter widerspiegeln. Sie steht für eine Hoffnung auf eine bunte und diverse Welt ohne Hass und Diskriminierung und symbolisiert den Kampf für Freiheit, Gleichheit und Solidarität, welcher seinen Ursprung in einer Geschichte der Unterdrückung hat.

Für so manchen Demonstranten scheint diese Geschichte nicht mehr viel zu bedeuten. So finden sich Regebogenflaggen – nicht zu verwechseln mit der „Pace-Flagge“ der italienischen Friedensbewegung – neben Reichskriegsfahnen, ein Symbol des Nationalsozialismus, des Antisemitismus und der Homophobie. Sie steht für ein Regime, welches Homosexuelle kastrierte, in Konzentrationslager sperrte, Menschenversuche an diesen durchführte und schlussendlich systematisch zu Tausenden ermordete. Menschen, die sich durch das Tragen einer Fahne zu Pluralität, Toleranz und ein Leben in Freiheit bekennen, marschieren neben, nein, mit Menschen, die eine solche Gesellschaft verabscheuen. Auf der anderen Seite stehen sie neben Menschen, die ihre Last mit dem Leid der damals Unterdrückten vergleichen, welche sich als Sklaven des Staates sehen, keine Rechte habend auf Freiheit und Meinung – und dies auf einer Demonstration kundtun. Es ist schwer zuzusehen, wie der Mut und die Taten der Friedenskämpfer aus dem 3. Reich verhöhnt werden und daneben Regenbogenflaggen wehen, welche die Reichsflaggen in keiner Weise ausgleichen.

Durch dieses gemeinsame Auftreten werden antidemokratische und rechtsextreme Bewegungen normalisiert und anschlussfähig, bekommen eine Bildfläche und werten das Symbol der Community ab. Diese Bilder müssen anecken, empören und zum Denken anregen. In einer Zeit, in der Kinder in der Türkei im Lockdown keine gemalten Regenbögen aus Solidarität mit ihren Freunden an die Fenster hängen dürfen, da diese ein Zeichen der Homosexualität darstellen, ist die Sichtbarkeit der LGBTQ+ Community wichtig – wichtiger als noch vor ein paar Jahren, am Anfang eines Rechtsruckes in Europa. Ja, Sichtbarkeit ist wichtig, aber nicht, wenn sie zusammen mit Rechtsextremisten auf den Straßen Berlins stattfindet.

„Mein Verständnis endet da, wo Demonstranten sich vor den Karren von Demokratiefeinden und politischen Hetzern spannen lassen.“  Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Patrick Newzella

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