Redet! Streitet! Diskutiert!
Eine Glosse von Lorenz Schlungerer
Alle kennen sie. Die beliebte Diskussionsfrage nach einem Referat. Irgendwie nervig, gequält und selten wirklich diskussionswürdig. Nachdem zwei Klassenkameraden, die man schon zuvor zur Meldung genötigt hat, ihren Satz heruntergestammelt haben, ist die „Diskussion“ dann auch vorbei. Doch die Idee, über ein Thema zu diskutieren, Meinungen auszutauschen oder einfach der Gegenposition zuzuhören, ist ein überlebenswichtiger Bestandteil der Demokratie, der in letzter Zeit immer mehr in das Hintertreffen geraten ist. Und ja – man muss sich auch kontroverse Meinungen anhören, die in der Öffentlichkeit eher geächtet sind. Das ist zum Teil aus gutem Grund, da sie oft in populistischer, unsachlicher Form geäußert werden. Doch das darf einen nicht davon abhalten, sich mit der unter der grauenhaften Wortwahl verbergenden Kernthese auseinanderzusetzen. Wie soll es sonst gelingen, ein Verständnis dafür zu entwickeln, warum populistische Forderungen bei Leuten verfangen? Wie soll es sonst gelingen, Menschen von seiner Gegenposition zu überzeugen? Auf jeden Fall nicht indem man stigmatisiert, alle gleich als Nazis oder links-grüne Kommunisten abstempelt. Den Satz „Mit denen rede ich nicht“ sollte es in einer Demokratie nicht geben. Gerade in diesen Fällen ist es essenziell, dass man in die Debatte geht, das Gegenüber stellt, wenn man doch überzeugt ist, die besseren Argumente zu haben.
Allerdings wird das immer seltener. Auch die politischen Debatten und Wahlkämpfe gehen immer weniger um Inhalte. Die Wahlentscheidung wird maßgeblich nach Sympathie und nicht nach Wahlprogramm getroffen. Politiker werden wie Streamer, Influencer und Fernsehmoderatoren danach bewertet, ob sie sympathisch sind. Es wird gelobt, dass der Merz „da neulich aber eine gute Figur gemacht hat“. Das kann man aber genauso über einen Fußballer sagen. Inhaltlich herrscht gähnende Leere. Wer weiß denn auch schon, was die Bundesregierung in letzter Zeit konkret beschlossen hat, und bildet sich dazu auch noch eine eigene Meinung. Außer dass da irgendwas mit der Rente war, hat man doch ehrlicherweise keinen blassen Schimmer, was seit Weihnachten beschlossen wurde.
Angesichts der tausenden allgegenwärtigen Polit-Talkshows kommt die Forderung nach einer lebendigeren Diskussionskultur vielleicht etwas überraschend, wenn doch auf drei Sendern gleichzeitig jeden Abend schon Karl Lauterbach, Sarah Wagenknecht, Toni Hofreiter und Marie-Agnes Strack-Zimmermann über irgendwas mit Trump diskutieren. Aber genau diese Talkshows sind Teil des Problems. In diesen SHOWS geht es um Leute, Persönlichkeiten und vor allem Unterhaltung, wie bei irgendeiner beliebigen RTL II Promi-Insel Bums-Show. Und so kommt es, dass Talkshows und das politische Tagesgeschäft immer mehr nur noch aus Statements und Gegenstatements bestehen. Und am Abend tragen alle ihre Statements bei Lanz vor. Die politische Debatte dreht sich inhaltslos um sich selbst und dient nur dem Entertainment. Um wirkliche Inhalte geht es eher selten. Konkrete Visionen für die Zukunft, die über Kleinscheißmaßnahmen hinausgehen, werden seltener vorgetragen und noch viel weniger debattiert. Stattdessen beschäftigt sich die Politik mit sich selbst und es geht um ein beliebiges 10 Jahre altes SKANDALVIDEO.
Bedingung für eine anständige und fruchtbare Debattenkultur ist nämlich, dass die aufgebauschten und inzwischen nur noch nervenden Kulturkämpfe nicht mehr erbittert gekämpft, sondern beiseitegelegt werden. Debatten sollten frei von angeblich ach so politischen Pseudokämpfen gemacht werden und sich wieder um die wirklich wichtigen ökonomischen Themen drehen. Nur weil die Regenbogenflagge nicht mehr gehisst wird oder sich irgendjemand für ein Uralt-Video entschuldigt, steigen die Löhne nicht stärker, der Arbeitsplatz ist nicht sicherer und der Kühlschrank wird nicht voller. Künstlich aufgeheizte Kulturkampf-Debatten lenken eher von den wirklichen Problemen der Menschen ab. Kann man nicht einfach ohne großes Geschreie in Ruhe ausdiskutieren, wer eigentlich die besseren Konzepte anzubieten hat?
Gegenseitiger Respekt und einander zuhören als Basis der Diskussion ist das Wichtigste. Man muss noch nicht einmal bereit sein, an seiner Meinung etwas zu ändern. Dabei ist es für die Festigung der eigenen Meinung essentiell, die natürlich auch berechtigten Argumente der Gegenseite zu kennen und durchzudenken. Man darf sich auch inhaltlich ordentlich fetzen, sollte aber nie persönlich werden. Also bitte informiert euch und dann Redet! Streitet! Diskutiert!
Bildnachweis: Das Bild ist ein Produkt künstlicher Intelligenz.
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